Warum Boateng der falsche Adressat ist

Nachdem es in den vergangenen Wochen und vor allem in den letzten Tagen rund um das Manchester-Spiel gerade zu Mainstream geworden war, Jerome Boateng für seine Entwicklung im vergangenen Jahr zu loben, fallen einige Beobachter nach dem Spiel am Mittwoch-Abend in längst vergessene Muster zurück. Vom „klassischen Boateng-Moment“, war im ZDF im Hinblick auf die Rote Karte die Rede. Spiegel Online nannte ihn in der Einzelkritik den „unglücklichsten Bayer“, der sich beim Gegentreffer habe leicht austanzen lassen. Spox kürt ihn sogar zum Flop des Spiels. „Ließ Negredo beim 1:3 alle Freiheiten und brachte sich mit einem ungewöhnlich dämlichen Einsteigen gegen Toure um die nächsten Champions-League-Einsätze“, heißt es dort. Schade, dass es sich die Journalisten in diesem Falls so leicht machen, denn Boateng ist aus meiner Sicht in beiden strittigen Szenen – dem Gegentor und der Roten Karte der falsche Adressat der Kritik.

Die beiden Szenen im Einzelnen:

Beim Gegentor in der 80. Minute ist Bayern auf dem linken Flügel in Ballbesitz. Weil Alaba den Ball schlampig abspielt, erobert Milner den Ball und spielt weiter zu Silva. Obwohl Silva von Kirchhoff und Dante bedrängt wird, kann der den Ball weiter auf Negredo passen. Da Dante sich zuvor auf dem linken Flügel für Alaba angeboten hatte und dann auf Silva herausrückte, ist die linke Innenverteidiger-Position nach Alabas Ballverlust verweist. Boateng der zuvor das Spielfeld breit machen sollte, verhält sich genau richtig und eilt Dante zur Hilfe. Genau in dem Moment als er Negredo erreicht, dreht dieser sich gegen Boatengs Laufrichtung und schiebt mit einem sehenswerten Drehschuss am ausgestreckten Bein von Boateng vorbei ins lange Eck ein. Ein Fehler im Verhalten von Boateng ist für mich nicht zu erkennen.

Auch bei der Roten Karte halte ich es für falsch harte Kritik an Boateng zu üben. Schaut man sich die Szene genau an, muss Boateng wieder in höchster Not in einen Zweikampf weil andere einen Fehler machen. In der konkreten Szene behindern sich Dante und Kirchhoff bei einem völlig ungefährlichen hohen Ball gegenseitig, was Touré und Silva ermöglich einen Doppelpass zu spielen. Gerade Kirchhoff verhält sich bei diesem Klärungsversuch amateurhaft. Weil Dante zu weit aufgerückt ist, gelangt Touré in seinen Rücken mit freiem Weg in Richtung Tor. Wieder reagiert Boateng richtig und verlässt zügig seine angestammte Position, um Dantes Stellungsfehler auszumerzen. 18 Meter vor dem Tor entscheidet er sich nun für eine riskante, aber keinesfalls aussichtslose Grätsche, um die 100-prozentige Torchance zu unterbinden. Weil Touré den Ball geschickt von Boatengs ausgestrecktem Bein wegspitzelt, trifft dieser ihn und sieht zurecht die Rote Karte. Die Alternative für Boateng, der wie gesagt durch den Stellungsfehler von Dante in diesen Zweikampf gezwungen wird, wäre in diesem Fall gewesen Touré zum Abschluss kommen zu lassen und auf Neuer zu hoffen. Eine Möglichkeit Touré noch abzulaufen, gab es nach Ansicht der Fernsehbilder nicht.

Fazit: Boateng hat über 80 Minuten in der Form gespielt, die viele Journalisten in den vergangenen Tagen zu Lobeshymnen inspiriert hat. Danach versucht er in zwei Szenen die Abspiel- und Stellungsfehler seiner Vorderleute, beziehungsweise von Nebenmann Dante zu korrigieren . Obwohl er korrekt und schnell reagiert, kommt in beiden Szenen einen halben Schritt zu spät. Das ist ärgerlich, im schlechtesten Falle unglücklich. Ein Grund in alte Klischees über das „Sicherheitsrisiko Boateng“ abzudriften ist das jedoch nicht.

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14 Antworten zu Warum Boateng der falsche Adressat ist

  1. H34T schreibt:

    Sehr gute Betrachtung, sehe ich auch so, wie ich auch in meinem Kommentar zum Artikel zu Spiel ausgedrückt habe.

    Ich würde aber in beiden Fällen auch Kirchhoff kritisieren, der sich nicht von Silva tunneln lassen darf und den Ball vor dem Zuspiel auf Toure klären muss.

    Boateng hätte evtl Toure laufen lassen sollen, aber wenn der das tor macht, wären das intensive restlich 5 minuten geworden. Der Kirchhoff wechsel war zu früh meiner meinung nach.

    Die Frage ist, wie gefährlich die Rote Karte für boatengs stammplatz ist. Dante ist als linksfuß wohl gesetzt. Es könnte ähnlich laufen wie letztes jahr, als boa mit seiner roten karte gegen borrisow seinen stammplatz an van buyten verlor. Martinez wird wieder fit sein und wird wohl auf der innenverteidigerposition eingesetzt.

    Andererseits, wenn man von einer sperre von 2 spielen ausgeht, wird es nur die beiden spiele gegen pilsen betreffen.

    • Reto B. schreibt:

      Seh ich genauso. Insbesondere die Rote war NICHT sein Fehler. Und da Silva das Tor nicht gemacht hat, gibt ihm das auch wieder recht.

    • C schreibt:

      Die rote Karte is doch glasklar Dantes Ding so wie er neben den Ball haut, da kann auch Kirchhoff nix dafür. Beim Gegentor kann man auch nicht nur Kirchhoff die Schuld geben man sollte hier auch berücksichtigen, dass er der wohl unerfahrenste ist, was Cl Spiele angeht.

    • Tery Whenett schreibt:

      Der Kirchhoff-Kritik schließe ich mich an. Das wird wohl bis auf weiteres die letzte Einwechslung (in einem wichtigen Spiel) gewesen sein – zumal langsam die Konkurrenz wieder fit wird. Es überrascht mich ohnehin, dass Pep ihn eher im DM als in der IV zu sehen scheint.

      Für Boatengs Stammplatz sehe ich keine Gefahr, Sperre hin oder her. Sollte Martinez (was ich immer noch nicht hoffe) tatsächlich in der IV eingeplant sein, wird – Stand jetzt – eher Dante weichen müssen. Boateng macht doch den deutlich sichereren Eindruck; dazu wäre eine IV mit Dante-Martinez mir zu langsam. Boatengs Athletik möchte ich nicht mehr missen. Das gilt analog für die Nationalmannschaft bei Merte-Hummels. Boateng muss gesetzt sein.

  2. Ryukyu schreibt:

    Schöner Artikel, ich hatte schon Angst, du kritisierst meinen Liebling Boateng zu sehr. 🙂

    Boateng fand ich das ganze Spiel über eigentlich überragend. Er hat mehrere schöne (flache), lange Pässe durch die Schnittstellen im Mittelfeld gespielt und so das Spiel wunderbar eröffnet. Hinten hat er wenig anbrennen lassen. Beim 0:1 sieht er natürlich aus wie der Depp, hat aber nur begrenzt einen Fehler gemacht. Negredo macht das auch einfach sehr stark und so eine Situation kann man immer mal verlieren. Insgesamt war das einfach stark passiert und allenfalls schwach von Kirchhoff.

    Für die rote Karte habe ich Boateng direkt gelobt. Darum glaube ich auch nicht, dass sie sein Standing im Team gefährdet. Anders als gegen Borissow war das Foul hier überhaupt nicht unnötig. Im Gegenteil. Er opfert sich hier quasi für die Mannschaft. Läuft Toure durch, steht es vermutlich 2:3. Fünf Minuten vor Schluss kann man einen Mann weniger noch verkraften. Mehr als ein Tor jedenfalls, dann wird es nämlich noch mal richtig eng. Geht der Freistoß rein, ist das natürlich ärgerlich, aber das weiß man vorher nicht. Ich halte das Foul jedenfalls für besser als ihn laufen zu lassen. In der 20. Minute ist das sicherlich eine andere Sache, aber kurz vor Schluss war das die richtige Entscheidung. Zumal er denn Ball auch durchaus auch hätte gewinnen können, wobei ihm vermutlich schon klar war, dass er wohl eher vom Platz gehen wird in der Situation.

    Ich bin mir relativ sicher, dass Boateng in 1-2 Jahren der stärkste IV der Welt ist, vorausgesetzt er bleibt verletzungsfrei natürlich.

  3. Tobias schreibt:

    Super. Ihr habt alles auf den Punkt gebracht.

    Boateng spielt bisher eine starke Saison. Er gefällt mir bislang besser als Dante. Ich glaube nicht, er verliert seinen Stammplatz wegen der roten Karte. Pep wird die Situation sicher sachlich analysieren und auch zum Ergebnis gelangen, die Grätsche/Notbremse war notwendig. Ein zweites City Tor hätte dem Spiel eine unnötige Wendung geben können. Aus der Sicht „opferte“ sich Boa für das Team.
    Negredos Tor halte ich fast für nicht zu verteidigend. Boa ist eigentlich schnell am Mann. Viele andere Innenverteidiger hätten bei der Bewegung des Stürmers schon auf dem Hintern gesessen. Negredo ist auch keine Laufkundschaft. Es war ein starkes Tor. Das sollte man auch einmal anerkennen.

    An Hand dieser 2 Situationen kann man mit der spon Aussage „unglücklichster Bayer“ sogar leben. Er versucht 2x einen individuellen Fehler der Kollegen auszubügeln. Beim ersten scheitert er knapp an der Klasse des Stürmers. Die Rote Karte werte ich als Erfolg. Verhinderung einer 100%igen Chanc oder cleveres Foul.

    Spox besticht seit längerem nun mit dummen Artikeln auf BILD Niveau. Die Kommentare dort zum Artikel sagen eigentlich alles aus. Spox hat sich lächerlich gemacht.
    Über das ZDF braucht man nicht reden. Unqualifizierte Polemik. Man freut sich sich über jedes Spiel, dass man nicht mit öffentlich rechtlichem Kommentator erleiden muss.

    • Ryukyu schreibt:

      Gerade beim ZDF finde ich das eigentlich sehr schade. Die Berichterstattung ist echt schwach, einzig das Aktuelle Sportstudio ist noch gut in seinen Analysen. Die Berichterstattung bei den Live-Spielen erinnert immer mehr an das Infotainment wie RTL es bei der Formel 1 seit Jahren praktiziert. Die ARD ist allerdings noch schwächer. Da gehört Fernanda Brandao zum Moderatorenteam für die WM 2014. Da darf man sich also schon auf Vorberichte ala Kai Ebel einstellen.

      Ich finde diese Entwicklung einfach nur schade. Mit der WM 2006 und den Analysen von Klopp hat sich so viel getan in der öffentlichen Wahrnehmung. Heute kann man mit viel mehr Leuten völlig anders über Fußball sprechen als noch vor 10 Jahren. Der durchschnittliche Fußballfan versteht viel mehr von Taktik und Systemen als je zuvor und was machen die öffentlich rechtlichen!? Sie entwickeln sich wieder zurück und gehen immer weiter in Richtung Boulevard Journalismus.

      • HW schreibt:

        Hat der ZDF Kommentator nicht gesagt, Boateng wurde in den Zweikampf gezwungen?

  4. Sportmedium schreibt:

    Ich sehe das wie Ryukyu und der Verfasser des Blogartikels:

    Beim ersten Gegentor kann man Boateng kaum einen Vorwurf machen, sondern viel mehr Alaba. Die Drehung von Negrado ist sehr stark und für Boateng aufgrund der gegensätzlichen Bewegung extrem schwer zu verteidigen.

    Die rote Karte sehe ich ebenso als Opfer für Mannschaft. Vermutlich hatte er die Hoffnung, den Ball noch zu spielen, durch das Foul verhindert er ebenso eine klare Torchance für ManCity. Bei der Entscheidung Freistoß+Rot vs Großchance+ kein Platzverweis hat er sich im Sinne der Mannschaft für erstere Variante entschieden. Eigentlich müsste man ihn für die rote Karte aus Bayern-Sicht loben!

  5. HW schreibt:

    Boatengs Notbremse war nicht zwingend notwendig. Aber er verhinderte damit den Anschlusstreffer und damit Diskussionen um die Stabilität des Teams und auch einen evtl. Ausgleich in der Schlussphase. Er opfert (etwas pathetisch ausgedrückt) sich für das Team.
    Notbremsen sind so eine Sache. In der 20sten Minute kann ich besser ein Tor kassieren und mit 11 Mann weiterspielen, in der 80sten Minute ist die Situation oft ganz anders. Beim Stand von 3:1 ist es eigentlich egal, aber es war die sichere Lösung in der Situation.

  6. HW schreibt:

    Ich stelle gerne mal die moralische Frag anhand einer anderen Szene. Auch wenn beide Situationen nicht ganz vergleichbar sind, weil Boateng noch versuchte fair den Ball zu spielen, aber auch weil mit Neuer immer noch ein Spieler das Tor hätte verhindern können.
    Im Gegensatz dazu steht das Handspiel von Suarez bei der WM 2010. Man kann über diesen Spieler persönlich denken was man will, aber betrachte ich nur diese Situation hat er die einzig richtige Entscheidung getroffen. Das war für mich die bedeutendste, nachvollziehbare bewusste Regelverletzung im Fußball. Vielleicht war deswegen der Aufschrei so groß, weil jeder wusste für den Spieler war es die einzige Lösung. Was Suarez tat war logisch und er hat seinem Team nur einen minimalen Vorteil verschafft. Es hing alles am Elfmeter.
    Die Frage ist nun, ist die Entscheidung von Suarez mehr oder weniger moralisch zu tadeln als die von Boateng oder von anderen Spielern?

  7. xodex schreibt:

    Klarer Fehler von Dante bei der roten Karte. Warum rückt er vor, wenn dort schon 2 Leute stehen? Aber Boateng muss dort auch nicht grätschen. Bei einem Keeper wie Neuer kann man den Abschlussversuch riskieren und im Zweifel das 2:3 zu 11t verteidigen…

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