Schweinsteiger als moderner Libero

Nach 3 Bundesliga-Spielen des Rekordmeisters ist die Rolle von Bastian Schweinsteiger im neuen System von Pep Guardiola sicherlich eine der spannendsten Aspekte eines bisher gelungenen Saisonstart des Rekordmeisters. Immer deutlicher wird warum Guardiola auf der alleinigen 6 auf den Spielertypen Schweinsteiger/Thiago und nicht etwa auf Martínez/Luiz Gustavo setzt. Schaut man sich zum Beispiel die Positionierung der Münchener im Spielaufbau an, fällt auf, dass Schweinsteiger sehr häufig wie ein Libero agiert.

abFnhQFadZSchweinsteiger rückt zwischen die beiden Innenverteidiger während die beiden Außenverteidiger vorrücken. Vor Schweinsteiger entsteht so ein Loch, in das die beiden Außenverteidiger und die beiden Achter reinstoßen oder Räume für den aufrückenden Schweinsteiger reißen können. Dieser Moment der Spielinitiation nach einerm kontrollierten Ballgewinn ist entscheidend im Spiel der Münchener. Schweinsteiger hat in diesem Moment die volle Kontrolle und Entscheidungshoheit auf dem Platz. Er entscheidet ob über eine der Seiten oder durchs Zentrum angegriffen wird. Er bestimmt das Tempo und er ist dabei selbst gefordert durch geschicktes Nachrücken das Pressing des Gegners zu überwinden und kontrolliert ins nächste Spielfelddrittel einzudringen. DFB-Chefausbilder Frank Wormuth, den ich für einen der besten deutschsprachigen Gesprächspartner zum Thema Fußball-Taktik halte, sprach schon im Sommer 2012 im Interview mit der WELT über Schweinsteiger als einen, der den Libero neu erfinden könnte.

„Vielmehr spielte er auf einer Höhe mit den Außenverteidigern und agierte manchmal sogar vor der Abwehr. Somit gibt es keine Renaissance des Liberos, sondern vielmehr eine Neuinterpretation.Zwar traue ich es Hummels durchaus zu, aber spontan würde ich eher auf den älter werdenden Bastian Schweinsteiger tippen. Er könnte das durchaus irgendwann in der Zukunft spielen. Damit wäre dann der klassische Zehner über die Sechserposition bis zurück in die Innenverteidigung gewandert.“

Wormuth bezog seine Aussagen damals auf Prandellis Ausrichtung bei der EM 2012 mit de Rossi als echtem Libero in einer Dreierkette. Zwar ist Bayerns System damit nur bedingt zu vergleichen, aber die Tendenz eines dominanten Aubauspielers Schweinsteiger als freiem Mann in oder vor der Abwehr passt.

Es gibt zwei englische Begriffe für die es aus meiner Sicht kein perfekt passendes deutsches Äquivalent gibt, die mir aber immer wieder in den Sinn kommen, wenn ich an die Anforderungen auf dieser Position nachdenke. Decision making and court (field) vision. Nicht umsonst werden diese Begriffe im Basketball häufig mit der Position des Aufbauspielers (Playmakers) in Verbindung gebracht. Genau darauf kommt es an. Es geht darum die richtigen, effektiven Entscheidungen im Spielaufbau zu treffen und eine Idee zu haben wie sich das Spiel von hier weiterentwickelt und was die richtige Option im Spielaufbau ist. Diese Anforderungen sind komplex und erfordern eine Reihe von Attributen. Ein sicheres Passspiel, Kreativität, Ruhe, Auge, Pressingresistenz, läuferisches Vermögen. Niemand außer Schweinsteiger und mit Abstrichen Thiago und Kroos verfügt im Bayern-Kader in Gänze über diese Qualitäten. Es erscheint deshalb logisch, dass Guardiola offenbar den Spielertypen Schweinsteiger auf dieser Position den Vorzug gegenüber einem zweikampfstärkeren, aber spielerisch eindimensionaleren Spielertypen wie Martínez oder Kirchhoff gibt. Anders wäre das, wenn Guardiola im Verlaufe der Saison auf eine echte Dreierkette umstellt. Dann gäbe es durch einen zusätzlichen zentralen Mittelfeldspieler auch eine zusätzliche Unterstützung im Spielaufbau. In einer echten Dreierkette wäre Martínez deshalb wohl prädestiniert für die zentrale Position mit Bastian Schweinsteiger vor ihm.

Es bleibt also spannend, wie sich dies in den kommenden Wochen entwickelt und verändert. Momentan sieht es in der Tat so aus, als gäbe es durch Bastian Schweinsteiger beim FC Bayern zumindest im Aufbauspiel eine moderne Wiederauferstehung des Liberos.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Hintergrund abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Schweinsteiger als moderner Libero

  1. Ryukyu schreibt:

    Hallo,

    schöner Artikel und Bezug zu Frank Wormuth! Ich habe mich schon gewundert, dass es noch keine Reaktion zum Frankfurt Spiel gab, wo es doch so viel spannendes zu beobachten gab. 🙂

    Ich habe leider nur die ersten 45 Minuten sehen können, war von denen aber richtig begeistert, insbesondere wegen der neuen Aufteilung auf dem Spielfeld. Gegen Gladbach war das noch nicht so zu beobachten, jedenfalls nicht in der Intensität. Gegen Frankfurt war es dann offensichtlich. Im Prinzip spielt man mit den zwei IV sehr weit aufgerückt und Schweinsteiger spielt mit ihnen auf einer Linie, mal zwischen ihnen, mal rechts, mal links. Die AV stehen bei Ballbesitz teilweise 10-20 Meter in des Gegners Hälfte, was natürlich zusätzliche Anspielstationen schafft und unglaublichen Druck erzeugt.

    Ich war ja anfangs skeptisch, dass Guardiola nichts anderes versucht, als sein System von Barca auf Bayern zu übertragen, was ich als großen Fehler empfunden hätte, da dafür in meinen Augen einfach die Spieler fehlen. Statt dessen hat er sein System angepasst. Ließ er bei Barca viel durch das Zentrum spielen, spielt Bayern nach wie vor über seine Flügelzangen, die für mich die stärksten der Welt sind. Ich halte das neue System beinahe für unmöglich zu verteidigen, egal wie tief der Gegner steht. Dortmund hat der Welt vorgemacht, wie man gegen Franck Ribery zu verteidigen hat. Er wird permanent gedoppelt und auch der aufrückende AV wird abgesichert. In Frankfurt ist mir aufgefallen, wie gut die Bayern diesen engen Raum jetzt aufbrechen können. Maßgeblich beteiligt sind daran die beiden 8er. Ribery, Alaba und ein 8er bilden ein Dreieck. Der erste Ball geht auf Ribery, die Verteidigung doppelt ihn, einer geht auf den Ball, der Mann hinter ihm sichert ab, der Flügel ist zu. Ribery spielt direkt zurück zu Alaba, der spielt direkt auf den 8er, der auf Höhe von Ribery agiert. Die Verteidigung schiebt auf den 8er und doppelt ihn, der spielt direkt wieder zurück zu Alaba, die Verteidiger stehen noch beim 8er bzw. orientieren sind noch nicht wieder an Ribery dran und Alaba kann ganz einfach durchstecken in die Gasse und Ribery befindet sich dann in einer 1vs1 Situation gegen einen einrückenden Verteidiger. So kam Ribery mehrfach in 1vs1 Situationen, konnte in den Strafraum eindringen oder bis auf die Grundlinie runterkommen. Ich fand das sensationell zu beobachten. Es kam so zu 2-3 Großchancen allein in Halbzeit, aus denen eigentlich Tore hätten resultieren müssen.

    Die Möglichkeiten für Frankfurt darauf zu reagieren waren begrenzt. Bleibt ein Spieler bei Ribery bzw. sichert den Pass in die Gasse ab, hat der 8er nur einen Gegenspieler und kann seinerseits in 1vs1 Situationen gehen. Wird also der Flügel zugemacht, dann entsteht neuer Raum im Zentrum. Gegen Frankfurt hat man ja noch mit Kroos und Shaquiri gespielt. Mit Götze und Thiago kann man auf dieser Position Spieler bringen, die noch beweglicher sind und noch stärker 1vs1 gehen können. Auf der rechten Seite verfügt man mit Robben/Müller, Lahm und dem zweiten 8er über ein fast gleichwertiges Dreick wie auf der linken Seite. Die rechte Seite ging für mich gegen Frankfurt fast ein bisschen unter in Halbzeit 1, da sehr viel über links gespielt wurde. Trotzdem bleibt die Flügelzange für mich der Trumpf der Bayern. Auch mit den langen Diagonalpässen hat man häufiger Räume aufgemacht für die Außen, aber mit dem neuen Dreieck hat man noch weitere Möglichkeiten geschaffen. Vor allem dann, wenn die Verteidigung schon steht und man nicht in einer Umschaltsituation ist.

    Für mich gibt es eine zwingende Konsequenz aus der neuen Spielweise: Man braucht in der Mitte UNBEDINGT einen echten Stürmer, der in die Räume geht, der auch Kopfballduelle für sich entscheiden kann. Mit Mandzukic/Pizarro ist man dort genau richtig aufgestellt. Götze als falsche 9 kann ich mir dort mit der aktuellen Spielweise überhaupt nicht vorstellen. Der bietet sich eher an, wenn durch die Mitte gespielt würde. Allerdings scheint Guardiola Götze doch auf der 9 zu sehen, anders kann man es ja fast nicht deuten, dass Pizarro nicht im Kader war.

    Auch defensiv stand man wieder deutlich besser als zuvor, allerdings kann ich nicht beurteilen, ob das auch etwas am Frankfurter Unvermögen lag, das Spiel aufzubauen. Ich halte technisch schwache Gegner gegen Bayern fast für chancenlos in dieser Saison, da sie kaum in der Lage sein werden, sich aus dem Pressing zu befreien. Die werden über 90 Minuten einfach erdrückt. Wie das neue System gegen Spitzenmannschaften aussieht, die das Mittelfeld ja viel schneller überbrücken können, ist natürlich noch mal ein anderes Thema. Man stand in Frankfurt schon brutal hoch, für mich auch noch deutlich höher als gegen Gladbach. Spannend zu beobachten war es auf jeden Fall, sowas habe ich zuvor in der Bundesliga jedenfalls noch nicht gesehen. Ich freue mich schon auf heute Nachmittag. Die Mannschaft hatte jetzt eine Woche Zeit, um in Ruhe zu trainieren. Da konnte man sicher gut an taktischen Details arbeiten.

    Ist das Aufbrechen der Flügel eigentlich auch jemanden so stark aufgefallen wie mir? Im TV wurde das fast überhaupt nicht behandelt. Selbst Schweinsteigers Liberoposition wurde nur kurz angeschnitten. Sowohl im Sportstudio wie auch in der Sportschau oder auf dem DSF.

    • derbayernblog schreibt:

      Ich glaube auch, dass alle wiederlegt sind, die am Anfang davon sprachen, dass Guardiola sein Barca-System übertragen will. Auch in den Thiago-Transfer wurde das ja reininterpretiert. Insgesamt hat das Bayern-System aber sehr viele eigenständige Elemente im Vergleich zu Guardiolas-Zeit bei Barca.

  2. Taktik Boombox schreibt:

    Schöner Artikel ! Hast du die ganzen Interviews und Zeitungsartikel noch im Kopf oder notierst du die dir in einem Informationspool wenn die rauskommen ?
    Zwei Dinge wollte ich noch anmerken:
    1. Wenn du die Begriffe als Spielereigenschaft oder Fähigkeit meinst, wird im Deutschen folgendes öfters gebraucht:

    Decision Making = Entscheidungsfähigkeit
    Field Vision = Spielübersicht

    Aber es gibt ja noch genügend andere Fachtermini und Eigennamen, die nicht übersetzbar sind bzw. (noch) nicht übersetzt wurden.^^ (Box-to-box-Player, Gambetta etc.)

    2. Die Spielweise mit dem zurückfallenden 6er gab es ja schon letzte Saison und auch davor. Jedoch wurde es nur phasenweise und situativ angewendet. Das neue in dieser Saison ist eher, dass es konsequent und dauerhaft angewendet wird. Bleibt die Frage, ob die situativ fluide Form in 4231 oder die dauerhafte Auslegung im 4141 (oder 4123, je nachdem wie offensiv die Flügelspieler interpretiert werden^^) besser zu den Bayernspielern passt.

    • derbayernblog schreibt:

      Ja ich habe auch nach deutschen Übersetzungen gesucht, aber Entscheidungsfähigkeit ist mir zu schwach. Weil decision making, so wie es im US-Sport zum Beispiel verwendet wird immer auch impliziert, dass es richtige/gute Entscheidungen sind. Deshalb finde ich es passt kein deutsches Wort so perfekt.

      Zu deinem zweiten Punkt: Das habe ich auch so beobachtet. Im CL-Finale hat Schweinsteiger das ebenfalls so umgesetzt, aber allein als Reaktion auf das Dortmunder Pressing und ohne entsprechende Vorgabe. Insofern ist es in dieser Saison wirklich konsequenter.

      • Taktik Boombox schreibt:

        Nochmal kurz zu decision making und Entscheidungsfähigkeit:
        Beide Wörter als „spielerische Fähigkeit“ implizieren dass es gute Entscheidungen sind. Wenn du die Begriffe in Skalen quantifizieren müsstest, wäre ein hoher Wert ein Maß für die richtige Entscheidungen im Verhältniss zur Gesamtentscheidungsmenge.

        Aber ich verstehe dein Anliegen. Im Deutschen zumindest (k.A. ob das englische decision making, sich da so klar abgrenzen kann) kann Entscheidungsfähigkeit mehrere Bedeutungsenebenen haben, wie z.B. „Mündigkeit“ (juristisch), „Handlungsschnelligkeit“ und „Entschlossenheit“ (psych.). Vorallem das letzte hat wahrscheinlich dein Bedenken geschürt.

        Deine Artikel (und natürlich auch deiner Kollegen von Spox und Spielverlagerung etc.) haben für ein Sportblog ein hohes Niveau und da darfst du selber gerne deutsche linguistische Standards setzen, bevor der allgemeine (inkompetente) Sportjournalismus neologistische Desaster entstehen lässt. („Tiki-Takanaccio“, „Raumdeuter“, „weiße Brasilianer“, „Ballfeeling“ … -_- )

    • Ryukyu schreibt:

      Letzte Saison hat Schweinsteiger sich eigentlich vor allem im CL Finale so weit zurückfallen lassen. Das aber auch erst nach 25 Minuten und wenn ich das richtig verstanden habe, nach persönlicher Einschätzung und auf eigene Initiative. Als taktische Variante war das eher nicht gedacht, zumindest meine ich das so aus den Interviews in Erinnerung behalten zu haben.

      Der große Unterschied dazu in dieser Saison ist, dass die Außenverteidiger so weit mit aufrücken. Und zwar nicht situativ, sondern dauerhaft. Zumindest standen sie in Frankfurt so hoch. Man hat auch wirklich Glück, dass man mit Lahm und Alaba solch unfassbar gute AV hat.

  3. dante schreibt:

    Guter Artikel!
    Das einzige was ich zu bemängeln habe: Zu den Anforderungen auf dieser Position gehört nicht unbedingt Pressingresistenz. Das gehört nämlich zu Schweinstigers Schwächen, zwischen den IV kann er sich allerdings dem Pressing entziehen (siehe CL-Finale).

    • derbayernblog schreibt:

      Du hast Recht. Pressingresistenz zählt in dieser Variante nicht zu den allerwichtigsten Eigenschaften. Trotzdem sehe ich hier keine Schwächen bei Schweinsteiger und auch das Spiel gegen Frankfurt hat gezeigt, dass es trotz des fallen lassens immer wieder auch darum geht Situationen unter höchstem Druck zu lösen.

  4. Pingback: FC Bayern – 1. FC Nürnberg 2:0 (0:0) | Der Bayern Blog

  5. American Bayern Munich fan here, found your site because of a recommendation from @redrobbery on twitter. Great post, looking forward to more (even if I have to use Google Translate to understand it since my German is too poor)

    Anyway, in your last paragraph I’m curious about the two German words you refer to, what are they? Also, your description made me think of a point guard in basketball or a quarterback in American football.

    Perhaps it would be appropriate to refer to the role Bastian is taking on now as a „quarterback“ and not a „center-back“ or „defensive midfielder“?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s