Analyse: Guardiola und die Dreierkette

Zwar hat der neue Bayern-Trainer Josep Guardiola auf seiner Auftakt-Pressekonferenz angekündigt beim FC Bayern auch in taktischer Hinsicht im Vergleich zum Vorjahr nicht allzu viel ändern zu wollen, doch nach knapp 10 Tagen Vorbereitung und den ersten Testspiel-Eindrücken wird deutlich. Guardiola will sicherlich nicht alles anders, aber vieles besser und variabler gestalten.

Die bisherigen Testspiele gegen den Fanclub Wildenau, den TSV Regen und eine Paulaner-Auswahl sollten mit Sicherheit nicht überbewertet werden, dennoch gab Guardiola schon auf der ersten Pressekonferenz im Bayern-Trainingslager im Trentino erste Einblicke in seine Pläne. Der Katalane will die Vorbereitungsphase nutzen, um unterschiedliche Spielsysteme zu testen und um Spieler auf anderen Positionen zu beobachten. Guardiola will Bayern variabler und damit weniger ausrechenbar machen. Vielleicht auch eine Lehre aus seiner Zeit in Barcelona, in der seine Elf in der Endphase seiner Amtszeit nicht selten am eigenen Ballbesitz zu ersticken drohte und keinen echten Plan B besaß. Eine taktische Variante, die auch von Guardiola selbst angesprochen wurde, ist die Dreierkette. Was sind die Vorteile und was sind mögliche Nachteile dieser Variante? Welche Spielertypen sind in einer solchen Formation gefragt und worauf sollte Guardiola bei einer möglichen Umsetzung achten? Eine Analyse:

Die Dreierkette:

Sie ist so etwas wie die taktische (Wieder-)Entdeckung der vergangenen Jahre. Während sich spätestens mit der WM 2010 bei den meisten Vereinen und Nationalmannschaften eine 4-2-3-1-Formation etablierte, ist inzwischen auch die defensive Dreierkette (wieder) salonfähig geworden. Die italienische Nationalmannschaft, der SSC Neapel, Juventus Turin und nicht zuletzt der FC Barcelona agierten in der Vergangenheit mit einer solchen Variante. In der Bundesliga sind die Erfahrungen mit einer defensiven Dreierkette in der jüngeren Vergangenheit eher negativ. Jürgen Klopp beerdigte das Experiment nach der Heimniederlage gegen den FC Schalke 04 in der vergangenen Saison nach nur einem Spiel. Und Jürgen Klinsmanns Harakiri-artiger Versuch einer Dreierkette gilt seit der 2:5-Heimniederlage gegen Werder Bremen im Jahr 2007 als Fanal seines Wirkens in München.

Dabei ist wichtig zu verstehen, dass die reine Grundformation eine eher untergeordnete Bedeutung besitzt, da sich die Formationen zunehmend der jeweiligen Spielsituation anpassen. Das war es auch was Guardiola meinte, als er vor einigen Tagen während seiner Auftakt-PK vor staunenden Journalisten sagte: „Das System ist egal“. So wurde aus dem 3-5-2 von Juventus Turin im Champions League Viertelfinale bei Ballbesitz Bayern schnell ein 5-4-1, weil die nominellen Außenbahnen im Mittelfeld die Dreierkette unterstützten und damit stabilisierten. Auch die Formation der Münchener wird im Spielaufbau streng genommen meist zu einem 2-4-3-1, weil die Außenverteidiger extrem vorschieben und nominell als Mittelfeldspieler agieren.

Vorteile der Dreierkette: Wenn Guardiola in München die Dreierkette einführen sollte, wird er sie sicher nicht so defensiv ausrichten, wie man es zum Beispiel bei Juventus Turin beobachten durfte. Das wäre eher ein taktischer Rückschritt. Eine Dreierkette müsste bei ihm dem Ballbesitz- und Offensivfußball dienen. Auf Grund der systemspezifischen Staffelung entstehen bei einer Dreierkette potenziell eine Vielzahl von möglichen Dreiecksbildungen, da sowohl die Halbpositionen, als auch die Außen im Mittelfeld doppelt besetzt sind. Diese Dreiecke sind die Grundlage für die schnellen Ballzirkulationen, die den FC Barcelona in den vergangenen Jahren so berühmt gemacht haben. Die Dreierkette erlaubt es bei optimaler Ausführung, dass bei Ballbesitz überall auf dem Feld Überzahlsituationen geschaffen werden können, ohne, dass sich dafür wie bei einem 4-2-3-1 einer der Abwehrspieler aus dem Defensivverbund nach vorn lösen muss. Allein eine breite Staffelung der drei Abwehrspieler im Aufbauspiel öffnet Räume und schafft zusätzliche Möglichkeiten sich zum Beispiel aus einem Pressing zu befreien.

Auch im eigenen Pressingsystem kann der durch die Dreierkette frei werdende zusätzliche Mittelfeldspieler oder Angreifer dazu genutzt werden die Räume noch stärker zu verengen. In einer Viererkette muss im Pressing immer mindestens einer der Außenverteidiger (meist der Ballferne) die Kette verlassen, um den Raum zu verengen. Diese Dysbalance kann bei langen Diagonalbällen, oder bei einer Überwindung der vorderen Pressinglinie zu einem Problem werden. Die Dreierkette ist hier weniger anfällig im Pressing die Bindung zueinander zu verlieren.

Nachteile der Dreierkette: Mit einer offensiv ausgerichteten Dreierkette steigt definitiv auch das Risiko. Ballverluste im Spielaufbau könnten gegen schnell umschaltende Mannschaften sehr leicht bestraft werden, gerade dann wenn die Dreierkette im Spielaufbau sehr breit steht, um die Räume zu öffnen. Korrektur-Möglichkeiten bei einem frühen Ballverlust gibt es kaum. Zudem laufen die Verteidiger potenziell eher Gefahr in direkte Duelle gezwungen zu werden. In einer Viererkette können sich die Abwehrspieler stärker gegenseitig sichern und schützen und im Verbund mit einem Sechser Ballgewinne durch Überzahlsituationen provozieren. Mit einer Dreierkette drohen gerade gegen konterstarke Teams gefährliche 1:1-Duelle. Fordernd ist die Dreierkette auch für den jeweiligen Außenspieler im Mittelfeld, der gezwungen wird läuferisch einen sehr weiten Raum abzudecken.

Klar ist: Für eine solche Dreierkette braucht es im Idealfall drei Spieler, die Zweikampfstärke, Beweglichkeit und hohes Spielverständnis auf sich vereinen. Beim FC Barcelona hat Guardiola die Dreierkette zum Beispiel mit Javier Mascherano und Sergio Busquets bestückt, die beide zuvor eher im zentralen Mittelfeld zu Hause waren. Ein Spieler, der nominell alle Anforderungen für die Dreierkette erfüllt ist Javí Martínez. Er dürfte in einer Dreierkette gesetzt sein. Auch Jan Kirchhoff und der derzeit verletzte Holger Badstuber bringen von der Veranlagung her wichtige Eigenschaften mit. Gerade weil beide auf der Sechser-Position ausgebildet und stark im Spielaufbau sind. Bei der Frage nach der notwendigen Beweglichkeit und Wendigkeit für direkte Defensivduelle beispielsweise gegen schnelle außenstürmer, bleiben genau wie bei Jerome Boateng, Dante und Daniel van Buyten einige Fragezeichen. Die Ausrichtung der Münchener Innenverteidigung war bisher vor allem auf Kopfballstärke und Schnelligkeit, statt auf Beweglichkeit ausgerichtet. Dies könnte ein Nachteil für die Bildung einer Dreierkette sein.

Fazit: Es spricht viel dafür, dass Pep Guardiola mit diesem herausragenden Spielerkader die Gelegenheit nutzen wird, die Dreierkette als Element zumindest ernsthaft anzutesten. Es entspricht seinem Anspruch taktische und spielerische Möglichkeiten einer Mannschaft komplett auszuschöpfen. Das auf Ballbesitz und Überzahlspiel auf den Flügeln ausgerichtete Offensivspiel der Münchener könnte durch diese Maßnahme in jedem Fall weiter ergänzt und verfeinert werden. Ob dies zu Lasten der defensiven Stabilität ginge, würde nicht zuletzt durch die Anpassungsfähigkeit der Spieler in der neu zu bildenden Dreierkette entschieden werden. Gerade die etatmäßigen Innenverteidiger, die die Viererkette verinnerlicht haben, müssten sich wie beschrieben deutlich umstellen. Guardiola muss der Mannschaft Gelegenheiten geben Mechanismen einzustudieren und Muster vorgeben an denen sich die Spieler festhalten oder besser orientieren können. Vielleicht ist die Dreierkette in naher Zukunft die Konsequenz aus diesen Mechanismen. Eine solche Umstellung jedoch an den Anfang der Entwicklung zu stellen, wäre aus meiner Sicht ein enormes, vielleicht zu großes Risiko.

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4 Antworten zu Analyse: Guardiola und die Dreierkette

  1. Maria D. Stefanowitz schreibt:

    God Bless FC Bayern!!!

  2. Cryobot schreibt:

    Ich sehe die 3er-Kette ähnlich interessant, aber auch anfällig wie du. Hinten mit Badstuber, Dante/Martinez und Boateng sieht das schon nicht so schlecht aus. Heißt aber auch, dass weniger Offensiv-Positionen besetzt werden müssen, und das bei den Möglichkeiten des Kaders. Wenn man von Flügelspielern Lahm/Alaba ausgeht, die meiner Meinung nach einfach Pflicht sind, bleiben für Ribery, Kroos, Robben, Müller, Götze, Mandzukic, Pizarro, Shaqiri und Gomez gerade mal 4 Positionen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen glaube ich.

    • derbayernblog schreibt:

      Da hast Du absolut recht. Lahm und Alaba wären auch von der Spielanlage her mit ihrem läuferischen Vermögen etc. bei einer Dreierekette ideal auf den Außenpositionen im Mittelfeld. Angenommen Kroos und Schweinsteiger teilen sich das Zentrum, blieben 3 Positionen für Ribéry, Robben, Götze, Müller, Mandzukic… schwierig.

  3. Pingback: Red Bull Salzburg – FC Bayern 3:0 (3:0) | Der Bayern Blog

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